Aufregungen

Ein guter Freund und Leser schrieb mir vorgestern, wenn nichts Neues an der Taxifront geschähe, solle ich doch mal wieder die Mottenkiste aufmachen. Das ist ja im Grunde keine schlechte Idee, aber es hat für mich immer so einen Touch von Sterben. So ungefähr nach dem Motto: „Wenn nichts mehr passiert, was soll ich dann noch hier?!“
Nichtsdestotrotz hat mich das Leben erhört und mir heute etwas Aufregendes beschert, denn Banales muß ich nicht schreiben, es muß schon etwas Besonderes sein.
Aber – und hier fängt das Desaster schon wieder an – muß denn Aufregung immer nur darin bestehen, daß ich mich aufrege anstatt daß ich etwas aufregend finde?!
So nahm ich heute gleich als erste Fahrt ein Rentnerehepaar in Empfang, natürlich in einer Arztpraxis, was sonst wohl hätten Tagfahrer für eine Aufgabe? Direkt vor ihrer Haustür war kein Halteplatz, weswegen ich etwa 20Meter dahinter halten mußte. Diese Stelle hatte allerdings den Nachteil, daß die Straße zum Trottoir hin sehr stark abfiel und gleichzeitig der Bordstein sehr hoch war. Wenn man dann noch aufgrund schlechter Gehfähigkeit der Fahrgäste sehr nah ranfährt, hat man natürlich die Gefahr des Aufsitzens der Tür auf dem Fußweg. Deshalb sagte ich sofort, sie sollten auf mich warten, daß ich auf ihre Seite herüberkäme. Weil aber die Ehefrau trotzdem permanent an der Tür fingerte, gab ich ihr nach und sagte, sie könne ruhig aussteigen, denn das sei eine Schiebetür. – Diesen Satz sollte ich augenblicklich bereuen, denn dadurch war sie etwa 1 Sekunde früher aus dem Wagen als ich. Als ich um das Heck herumkam, hatte sie schon die Beifahrertür in der Hand und öffnete sie. Ich sprang gerade noch hinzu und rief: „Bitte nicht weiter, der Bordstein ist zu hoch, sehen sie das?!“ „Ja, ich sehe“ …Raaatsch… Um nicht hochzugehen wie eine V2 flüchtete ich mich in Sarkasmus: „Sehr gut gesehen! Jetzt ist der Lack ab.“ „Nein, nein, das war schon!“ (Ausrede Grundschulklasse 1) Ich mußte der physikalisch wahrscheinlich zu 100% Unkundigen dann noch erklären: „Was auch immer sie sehen und was schon war, war niemals das, was gerade ´Raaatsch´ gemacht hat, denn das ist wirklich genau unter der Tür und das kann man nur sehen, wenn man mit dem Kopf im Rinnsteig liegt. Wollen sie das?!“
Nun frage ich mich ernsthaft: Ist es wirklich so schwer, wenigstens für sich selbst zu konstatieren, daß man unfähig ist, eine Fahrzeugtür schadensfrei zu öffnen? Man muß es ja nicht gleich jedem beichten. Aber was erhält man stattdessen: Uneinsichtigkeit und Widerworte!

Aber der da oben war wenigstens einsichtig und bescherte mir heute noch eine positive Überraschung: Als ich den THP Palaisplatz anfuhr, parkte dort gerade ein Kleinwagen ein, worauf der Fahrer ausstieg und gerade die Szene verlassen wollte. Obwohl alle meine Organe augenblicklich auf Krawall gebürstet waren, hat sich mein Finger nur zaghaft zur Hupe hinbewegt, um ein zartes „Tutt“ ertönen zu lassen. (Normalerweise gehört hierher ein Tuuut, Tuuut – Tuuhuuhuut!“) Er schaute kurz zu mir und nach meinem kurzen beidhändigen Verweis auf seinen Parkplatz und einem einfingrigen Hinweis auf das Taxischild gab er ein Zeichens des Verstehens und fuhr ab! Frage an die Kollegen: Wer hat das wann zum letzten Mal erlebt?

Und so genieße ich denn heute die Ruhe nachweihnachtlicher Tage.

Bernd

Über Bernd

Baujahr 1955, männlich, nicht mehr zu haben, Mechatroniker, Elektriker, Technikinformatiker und - natürlich - Taxifahrer
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4 Antworten auf Aufregungen

  1. morphium sagt:

    Ja, und hast du die Daten der Frau aufgenommen, damit deine Chefs ihr die Rechnung schicken können? Hör doch nicht bei der Hälfte der Geschichte auf!

    • Thomas sagt:

      Eine Rechnung setzt eine Reparatur voraus,da aber der Reparaturstau in Bernd´s Firma (was Karosserie und Lackierung betrifft) derart hoch ist würden das die beiden alten Leutchen glaube nicht mehr erleben.

      • Bernd Bernd sagt:

        Mensch Thomas, du kannst doch nicht solchen Unsinn erzählen! Das glaubt dir doch sowieso keiner…von den Uneingeweihten, meine ich natürlich!

    • Bernd Bernd sagt:

      Nein, um Gottes Willen, ich habe die Daten der Frau nicht aufgenommen, denn der Dödel bin doch sowieso ich! Wer hält denn sonst so Scheiße an, daß man nicht mal die Türe ordentlich aufkriegt! Und dann wird man vom Fahrer noch nicht mal gewarnt!! Der quatscht nur einen Haufen Müll, den keiner versteht.
      Aaaaber… weil wir gerade von Gott sprechen: Er hat sich sehr wohl die Taten – nicht die Daten – der Frau gemerkt und sich Aufgaben für sie ausgedacht, sobald sie seine himmlischen Gefilde betritt.
      Und deshalb machen wir die Tür auf – nun machen wir sie wieder zu – nun machen wir sie wieder auf – und nun…: Wißt ihr, wie sie die Ewigkeit verbringen wird!

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