Glaubenskrise

Ja tatsächlich: in einer solchen befand ich mich heute zum Feierabend! Den ganzen Tag habe ich dafür gearbeitet, die Tücken und Wirrnisse des Dresdner Straßenverkehrs zu meistern und zugleich einen vernünftigen Umsatz zu erzielen. Ausgerechnet zum Feierabend wurde ich kalt erwischt: Ich glaube nun nicht mehr an die Kraft des Geistes in puncto Logik auf unseren Straßen.
Ich möchte hier erzählerisch skizzieren, wie ich zu dieser Einschätzung komme:

Ich fuhr auf der Reisstraße unter der Bahnunterführung hindurch, um dann nach links in die ´Str. d. 17. Juni´ abzubiegen. Mir gegenüber standen 3 Fahrzeuge, die den Plan gerade-gerade-rechts hatten(reihenfolgemäßig). Dumm war nur, daß der Verkehr auf besagter (Haupt-)Straße nicht abriß. Das heißt für den Profi: „Hier muß improvisiert werden!“ 5 Minuten Zeit für eine Kreuzung hat nämlich niemand. Deshalb habe ich in einer Situation, in der von mir aus rechts niemand und von links ein Rechtsabbieger kam, sofort die Kreuzung befahren und mich so aufgestellt, daß außer meinen Gegenübern niemand fahren konnte. Der erste davon war sehr flink, denn noch bevor ich meinen Aufstellungspunkt erreicht hatte, war er verschwunden: Spitze! Der Zweite war auch nicht faul und fuhr sofort auf die Kreuzung in der Form, den herannahenden Abbieger auch abbiegen zu lassen. Aber dieser…, ich meine diese war mit der Situation total überfordert: „Was macht nur dieses häßliche Taxi dort mitten auf der Straße und warum versucht der böse Mann von links, mich zu rammen?!“ Mit den vereinten Kräften vieler, vieler winkender Arme konnte sie dann doch bewegt werden, die Kreuzung zu passieren. Nun aber kam das letzte Problem. Es war ein Problem, was mir gegenüber nach rechts abbiegen wollte und es hatte lange Haare. Ich weiß wirklich nicht, was in diesem Problem vorging und wo es seine Augen hatte, jedenfalls habe ich es doch tatsächlich dank Lichthupe, sonstiger Hupe und gnadenvollem Winken meiner linken Hand dazu bewegen können, das zu tun, was es tun wollte: rechts abzubiegen. Inzwischen waren natürlich auch schon wieder mehrere Fahrzeuge auf der Hauptstraße vor Ort. Deshalb muß ich an dieser Stelle einmal in folgender Weise meckern: Mit Stümpern werden wir die Anforderungen des Straßenverkehrs in dieser Zeit und den kommenden Zeiten nicht bewältigen!
Bis hierhin trifft meine Kritik eigentlich nur Privatfahrer, da Berufsfahrer mehrheitlich so denken und handeln wie ich. Das sollte sich aber innerhalb von Minuten ändern! Ich fuhr nämlich nach dem ersteren Vorfall nur etwa 100 Meter bis zur nächsten Tankstelle. Diese war in diesem Moment voll besetzt und ich stellte mich deshalb in der für mich günstigsten Spur an. Nach kurzer Zeit wurde die vordere Säule meiner Spur frei. Da aber rechts noch ein Fahrzeug stand, kam ich nicht vorbei. Das war nicht so schlimm, denn ich konnte sehen, daß die junge Frau vor mir gerade beim Bezahlen war. Gerade in dem Augenblick, als rechts frei wird, kommt von draußen ein Krankenwagen des ASB, umkurvt mich und den Wagen der jungen Frau, rangiert sich ein und zwingt dadurch diese und mich zum Zurücksetzen. Schlicht genial gemacht, Herr Kollege! Dabei war der Herr bestimmt jenseits der 40! Daß ich für seinen 5-Sekunden-Gewinn im Endeffekt nochmals 3 Minuten warten mußte, weil er viel später bezahlte und die Spur blockierte, war nur noch der Zuckerguß auf der Schwachsinnstorte.

Manchmal wünschte ich mir, ich hätte kein Hirn! Dann müßte ich mich nicht ärgern und würde es selbst so machen!

Bernd

Über Bernd

Baujahr 1955, männlich, nicht mehr zu haben, Mechatroniker, Elektriker, Technikinformatiker und - natürlich - Taxifahrer
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6 Antworten auf Glaubenskrise

  1. opatios sagt:

    Da hilft nur eins: Wann immer es geht, selbst mitdenken, sich richtig verhalten und bei Erfolg sich auf die Schulter klopfen. 😉 Man(n) braucht solche ausgleichenden Momente. Und wenn’s nicht klappt: Gelassenheit bewahren. Auch wenn’s schwer fällt.

    Ich frage mich übrigens: Gibt es ein geschriebenes oder ungeschriebenes Gesetz, daß ich an der Tankstelle mein Auto nach dem Befüllungsvorgang so lange nicht von der Zapfsäule wegbewegen darf, bis der Sprit bezahlt ist, auch wenn ich dabei den Weg zu einer an sich freien Zapfsäule (vor mir) versperre?
    (wenn ja, dann habe ich in der Vergangenheit schon mehrfach dagegen verstoßen, weil ich nach dem Schließen des Tankdeckels erstmal das Auto beiseite gefahren habe, um den Weg zur anderen Säule freizumachen, und erst dann bezahlen gegangen bin…)

    • Bernd Bernd sagt:

      Genau das, was du im ersten Absatz sagst, ist meine Meinung seit Jahren: Wenn du willst, daß du gelobt wirst, mußt du es schon selbst machen. Jeder andere denkt sofort an die Schmälerung der eigenen Leistung, sobald er andere lobt.
      Das mit dem Freimachen der Säule vor dem Bezahlen ist – glaube ich – so eine Art Agreement. Indem man stehenbleibt, erspart man dem Tankwart die Angst, daß man die Zeche prellt. Um es aber genau zu wissen, werde ich morgen mal einen alten Kumpel fragen, der Tankstellenpächter ist.

      • opatios sagt:

        Ich bin sehr gespannt, wie die Meinung „auf der anderen Seite des Kassentisches“ aussieht!

        • Bernd Bernd sagt:

          Also dann: Ganz klare Ansage von hinter dem Ladentisch: „Bitte, bitte nicht wegfahren vor dem Bezahlen. Verwirrt enorm und bringt keine Zeitersparnis, weil Säule bis zum Bezahlen sowieso gesperrt!“

          • opatios sagt:

            Also das „verwirrt enorm“ kann ich in Anbetracht des ungebrochenen Trends zum Tankbetrug durchaus nachvollziehen (und wenn der Tankwart nur gern zuordnen möchte, dass man auch die richtige Säule bezahlt!)

            Dem „keine Zeitersparnis“ wage ich jedoch zu widersprechen, sonst würde ich das Manöver ja nie machen.
            Das Wegsetzen des Autos von der benutzten Zapfsäule gibt dem Hintermann ja schließlich Zeit,
            1. selbst an die Säule zu fahren,
            2. auszusteigen und die Tankklappe zu öffnen,
            3. Den Tankvorgang zu starten, sobald die Säule wieder freigeschaltet ist (falls sie das nicht ohnehin längst ist, man könnte an der zweiten oder dritten Säule gestanden haben und die weiter vorn Tankenden sind längst weg).

            Bis der soeben noch Bezahlende dann eingestiegen und weggefahren ist, hat der Nachfolgende bereits die ersten 10-15 Liter getankt.

  2. Bernd Bernd sagt:

    Sei es wie es sei, gegen das erstere Argument ist die Zeitersparnis nur Pillepalle.

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