Schocktherapie für Ärzte

MottenkisteWie mein Kollege Steffen vor kurzem erwähnte, fahren wir auch den kassenärztlichen Notfalldienst in Zeiten geschlossener Arztpraxen. Da ich seit Jahren nur Tagschicht an Werktagen fahre, ist das natürlich kaum noch vorgekommen, die nachfolgende Geschichte aus nebenstehendem Behältnis möchte ich euch aber nicht vorenthalten:

Ich bekam in einer Nacht nahe eines Jahreswechsels einen Auftrag für den Bereitschaftsarzt, der mit drei Patienten eröffnet wurde. Ich muß hier vorausschicken, daß es bei solchen Einsätzen ein Codesystem gibt. Die Zahlen von 1 bis 10 beschreiben die Art der wahrscheinlichen Erkrankung, beispielsweise Atmungsorgane, Verdauungssystem, orthopädische Probleme und mehr, die aber nur der Arzt zuordnen kann. Dann gibt es noch die Buchstaben A – C, die die Dringlichkeit angeben:
C bedeutet: Da hat einer ein Wehwehchen, guck dir´s mal an.
B bedeutet: Der jammert ganz schön, das könnte ernster sein!
A bedeutet: Fahr mal ganz, ganz fix hin, das hört sich böse an!

Als der Arzt nun einstieg, sortierte er die Patienten nach Dringlichkeit, Beschwerdeart und Wohnort. Einer der Fälle (alle nicht dringend) befand sich in unmittelbarer Nähe seiner Praxis, weswegen er meinte: „Das nehmen wir als ´Heimbringer´“. Im Laufe der Zeit erhöhte sich die Anzahl der Fälle auf 11. Der Heimbringer blieb. Als wir dann dort waren, ging der Arzt hinein und es begann folgende Geschichte:

Er klingelte und die Tochter der bereits sehr alten Patientin öffnete. Auf die Frage, wo die Patientin sei, zeigte sie ihm das Schlafzimmer. Noch in der Tür stehend, konstatierte er nach einem kurzen Blick: „Die sieht aber schlecht aus.“ „Die ist ja auch schon tot!“, war die Antwort.
SCHOCK!!!
Nach der exakten Feststellung kam er aber erst zu mir ans Auto, um Einblick in die Auftragsliste zu nehmen, denn es hätte ja sein können, daß wir eine besondere Dringlichkeit übersehen haben und die Patientin gerade eben erst verstorben ist. Dieser Fall war aber eine „C/10“. Das ist der einzige Code, den wahrscheinlich auch alle Fahrer kennen. Es handelt sich hierbei um die amtliche Todesfeststellung und Ausstellung des Scheines. Und schon hatte ich meinen Anschiß weg:

Ich soll ihm gefälligst sagen, wenn eine C/10 ansteht. Es müsse ja nicht sein, daß er auch noch mal erschrickt!

Bernd

Über Bernd

Baujahr 1955, männlich, nicht mehr zu haben, Mechatroniker, Elektriker, Technikinformatiker und - natürlich - Taxifahrer
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5 Antworten auf Schocktherapie für Ärzte

  1. opatios sagt:

    Was ist das bitte für ein Arzt, der in Anwesenheit von Angehörigen oder (möglicherweise verständigen!) Patienten einen Kommentar in den Raum schmeißt wie „Die sieht aber schlecht aus“ ??

    • Bernd Bernd sagt:

      Denk dich mal richtig rein, das ist soo abwegig nicht! Er ging ja davon aus, daß sie nur „etwas“ krank ist. Wir hatten ja nur ´C´-Fälle.

      • opatios sagt:

        Abwegig sicher nicht, trotzdem macht es einem nicht gerade Hoffnung auf eine schnelle Genesung. (Die wäre in diesem einen Fall auch unbegründet gewesen, aber sicher verstehst Du was ich meine)

        Analog dazu der Meister in der Autowerkstatt, der beim Begutachten verdächtiger Fahrzeugkomponenten ein „oh, oh, oh…“ von sich gibt- für jedes „oh“ kann der Besitzer gleich mal 150 Euro einkalkulieren. Wenn der TÜV-Prüfer so was hören läßt, fängt der daneben stehende Besitzer innerlich schon an, sich von seinem geliebten Blechle zu verabschieden.

  2. Steffen sagt:

    Wieso solltest Du ihm das sagen? War doch ein Auftrag vom Anfang .. da bekommen die Docs ja nen Anruf mit allen Aufträgen und Diagnosen .. Da hat er wohl nicht richtig zugehört 🙂

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