Menschlicher Präzisions-Telemeter

Heute am Nachmittag bekam ich einen Auftrag in der Nähe des Hauptbahnhofes, dessen Tour für ein Paar in der jüngeren Mittelklasse in die Freitaler Gefilde führen sollte. Zur konkreten Hausnummer waren es von der Straße her noch etwa 50 Meter, die aber keine Hindernisse aufwiesen. Also fuhr ich bis vor die Tür. Merkwürdigerweise war gerade das das Einstiegsthema unserer Unterhaltung. Der Herr fragte mich, warum ich dieses letzten Meter auf mich nehme, worauf ich wahrheitsgemäß antwortete, daß ich das immer so durchzieh, solange keine Gründe dagegensprechen. Nachdem im Fond etwas gedämpfte Kommunikation stattfand, fügte ich noch an, daß ich ja auch damit hätte begründen können, daß jeder Meter auf dem Zähler zu Buche schlägt. Als Text wäre hier natürlich ein Zwinkersmiley gefolgt, aber in der Realität sieht sowas immer aus wie ein unsittliches Angebot. Die Aussage selbst aber erregte Aufmerksamkeit in der Form, als ob man man genau dies vermutet habe. Dank meines Gespürs für solche Situationen war ich hier bereits angefressen!
Beim Zurückstoßen auf die Straße kam dann der nächste Disput. Die Dame meinte, ich hätte auch anders zurückstoßen können, um sofort zur *X-straße* hochzufahren. Ich brachte den Gag, daß ich erst mal rausfahren wollte um zu sehen, wie es dann weitergeht. In Wirklichkeit hatte ich mir natürlich gar nichts überlegt, sondern bin einfach rausgefahren, wie ich reingefahren bin. Nun sagte mir die Dame aber lieber gleich den folgenden Weg an, damit ich nicht noch einmal versuche, sie schamlos zu betrügen. Ihr absolut bester Weg war der über Münchner Straße, Nöthnitzer-, Altplauen und Tharandter. Mein Ratschlag über Coschütz und die Potschappler wurde als überhaupt nicht in Frage kommend abgeschmettert. Die folgende Fahrt ging dann ohne weitere Probleme vonstatten…
wenn man davon absieht, daß sich die Dame augenscheinlich in dem Wissen weidete, erfolgreich einen Abzockversuch vereitelt zu haben.
Nun ist es ja aber nicht so, daß ich es einfach so hinnehme, wenn das Ei klüger sein will als die Henne, besonders wenn es mich betrifft. Aus diesem Grunde habe ich mir zu Hause einen Stadtplan und einen Zirkel genommen und die Sache nachvollzogen…
Und was soll ich euch sagen: Sie hatte recht! Ihre Strecke war exakt 200 Meter kürzer, womit sie erfolgreich einem Betrug über 40 Cent entging. Welch ein wacher Geist! Fast wäre sie pleitegegangen.
Was mich allerdings fertigmacht ist die Tatsache, daß jemand auf einer Strecke von etwa 11,5 Kilometern eine Differenz von 200 Metern derart drastisch ablehnt, als ob es 5 Kilometer wären. Schon allein die Feststellung einer 200 Meter-Differenz auf diese Gesamtentfernung zeugt von fast übersinnlichen Kräften. Solch eine Kollegin könnten wir dringend gebrauchen. Ich denke, sie würde bestimmt auch gern zu uns wechseln, denn im Moment muß sie doch echt einen Scheiß-Job haben!

Wo sie doch hinter jedem einen Betrüger vermutet.

Bernd

Über Bernd

Baujahr 1955, männlich, nicht mehr zu haben, Mechatroniker, Elektriker, Technikinformatiker und - natürlich - Taxifahrer
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4 Antworten auf Menschlicher Präzisions-Telemeter

  1. Tobias sagt:

    Was steht denn in der Taxi-Verordnung?
    Immer der kürzeste Weg – ausser der Fahrgast wünscht was anderes…

    • Bernd Bernd sagt:

      Ganz genau, aber nach meinem Gefühl war meine Version die kürzere. Daher kam ja die Konfusion.

  2. Sascha sagt:

    Was willst du eigentlich sagen?
    Dass die Dame zu 100% im Recht war, anstatt es einzusehen du dich immer noch echauffierst, dass du sie ja nur um ein paar Cent betrügen wolltest?

    Wie kommt man nur zu solch einer überhaupt gar keinen Einsicht.

    • Bernd Bernd sagt:

      Ich antworte jetzt mal nicht dir, Sascha, sondern denen, die glauben, daß dein Kommentar KEINE lustige Provokation ist. 😉
      Aus dem Artikel geht doch klar und deutlich hervor, daß ich mich in den Entfernungen irrte und mich deshalb wunderte, daß die Dame eine Differenz von 200 m auf 11,5 km Distanz klar als solche erkennen konnte. Aus ihrem ganzen Verhalten war eine gewisse Manie zu erkennen.
      Ein Wort noch hintendran: Wer glaubt wohl allen Ernstes, daß jemand seine berufliche Existenz für den Erhalt oder Nichterhalt von 40 Cent mehr auf´s Spiel setzt?! So dumm ist doch kein Schwein! Somit ist der Gag entlarvt, zumal jeder halbwegs gebildete Mensch weiß, daß Äußerungen wie z.B. „dass du sie ja nur um ein paar Cent betrügen wolltest?“ im ernst gemeinten Fall eine Anzeige wegen öffentlicher Beleidigung nach sich zögen, was etwas teurer als 40 Cent würde. 🙂
      Also verarsche bitte meine Leser nicht! 😉

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