Meine neue Karriere

Nach über 20 Jahren des Taxifahrens , anschließender langer Krankheit und schließlich Verrentung hatte ich ja ein weiteres Erwerbsleben schon vollständig ausgeschlossen, aber heute hat man mir gezeigt, was ich alles kann!

Es begann damit, daß ich heute zum MRT auf die Friedrichstraße mußte. Schon lange vorher hatte ich Bammel, daß mich die dortige Parkplatzsituation nicht mein letztes Geld kostet. Ich schien auch Glück zu haben, denn ich fand direkt vor dem Eingang ein Plätzchen. Ich legte dann vorsichtshalber eine Parkscheibe hinter die Frontscheibe und wollte weggehen, als mir im nächstparkenden Wagen ein Parkschein auffiel… Also doch – Sch…! Tja, im Portemonaie fand ich nur Scheine(das war als Taxifahrer anders) und deshalb sprach ich mehrere Leute an, ob sie mir einen Zehner in Klimpergeld tauschen könnten. Als vierter Passant kam ein Mann um die 50, der eine ältere Dama stützte. Als ich ihn dasselbe fragte, schaute er nach und meinte, leider habe er nur zwei Euro, aber die gebe er mir. Mit diesen Worten ließ er das Geld in den Stoffbeutel fallen, den ich zum Zwecke der Aufbewahrung persönlicher Gegenstände oftmals um den Hals trage. Während er weiterlief, blieb ich total verdutzt zurück und dachte: „Sollte er wirklich…?“ Und so sagte ich: „Aberich wollte doch nur 10€ tauschen, damit ich meinen Parkschein bezahlen kann.“ Darauf er: „Ach sooo…! Ja, aber vielleicht hilfts.“ Er hatte tatsächlich an einen Schnorrer geglaubt! Na gut, ich gebe zu, daß ich schlecht rasiert war, um die Worte „gar nicht“ zu vermeiden und ich trage auch nichts von Saint Laurent oder Armani, aber daß ich so katastrophal rüberkomme, hätte ich auch nicht gedacht… Obwohl, so schlecht ist das doch gar nicht. Mal kurz rechnen: 3min rumfragen auf der Straße für 2€ macht pro Stunde 40€ – wegen schlechter Konjunktur sagen wir mal durchschnittlich 30 – mal 5 Stunden pro Tag(mehr halte ich nicht durch) ergibt 150 – mal 20 Tage im Monat macht 3000€. Ist das nicht wunderbar? Das hätte ich im Taxi nie geschafft. Ich starte jetzt eine neue Karriere, und zwar im Alleingang. Ich hab´s nicht nötig, meine Kinder unter Drogen zu setzen, um dann meine Frau mit diesen auf dem Schoß an der Straßenecke betteln zu lassen.

Außerdem habe ich keine S-Klasse, in der wir dann abends gemeinsam nach Hause fahren.

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Über Bernd

Baujahr 1955, männlich, nicht mehr zu haben, Mechatroniker, Elektriker, Technikinformatiker und - natürlich - Taxifahrer
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