Pöbelnde Landräte

Am 6.7.2013 erschien in der Dresdner Morgenpost ein Artikel über eine Änderung in der Taxitarifverordnung von Görlitz. Eigentlich wollte ich dazu nichts schreiben, denn ihr wißt ja, ich habe Probleme mit meiner Halsschlagader. Die kann leicht anschwellen und dann ist das Aus-dem-Ruder-Laufen der Diskussion noch das kleinste Übel. Allerdings wurde ich explizit gebeten, ein paar Worte darüber fallenzulassen.

In diesem Artikel hat sich die Taxiinnung in Görlitz an den Kreistag gewandt, weil es immer wieder ein paar schwarze Schafe gäbe, die die Fahrgäste wegen einer Kurzfahrt „anpflaumen“.
Zunächst einmal muß ich feststellen, daß ich wahrscheinlich doch schon etwas zu alt für jegliches Geschäft bin, denn zu meiner Zeit regelten Innungen ihre internen Probleme noch selbst. Aber sei´s drum, betrachten wir doch mal die Frage, warum denn eigentlich in diesem Fall „gepflaumt“ wird:
Wenn ich als Taxifahrer beispielsweise pro Stunde 8 € brutto verdienen würde, wäre es mir doch vollkommen schnurz, wo der Fahrgast hin will(Ich habe bewußt diesen Betrag gewählt, weil ich in Unterhaltungen immer wieder den Eindruck gewinne, daß der Kunde diesen für unseren Lohn hält). Zeit ist schließlich Zeit und Strecke ist Strecke. Warum also wird gemotzt… , weil es eben keine 8 € Stundenlohn gibt! Aber auch keine 7, keine 6, keine … Soll ich weitermachen?! Mit einem Wort: Es gibt überhaupt keinen Lohn außer einem bestimmten Prozentsatz des Umsatzes, den man selbst einfährt. Das bedeutet, daß ein Fahrer, der 2 Stunden stehen muß, um dann eine Fahrt für etwa 5 € zu machen bei einem fiktiven Anteilssatz von 50% einen Bruttolohn von 5€ x 50% / 2h = 1,25 €/h erhält! Dies wäre ein Lohn, der schon mehr als sittenwidrig wäre, aber darüberhinaus schon weit jenseits von gut und böse liegt!
Und nun, verehrte Nicht-Taxifahrer unter allen Lesern: Wieviel Respekt verdient eigentlich ein Mensch, der bei diesen Aussichten nicht „zum Schwein“ wird?!
Aber was soll ich ihnen sagen: Es gibt sie, diese Menschen! Hier vor sich haben sie einen davon. Ich selbst habe mich noch nie über eine Kurzfahrt aufgeregt. – Nun sagen sie bitte nur nicht, das würde mir halt nichts ausmachen oder ich hätte noch einen Nebenverdienst oder würde sowieso meinen Chef bescheißen oder, oder, oder… – Also praktisch alle diese Vermutungen, die Leute anstellen, wenn sie von der Materie eigentlich nichts verstehen. Nein – Die Sache ist viel einfacher: Mein Galgenhumor ist nur unermeßlich größer als bei den meisten Kollegen! Ich sage mir immer: „Lache, solange du noch lachen kannst, denn in der Kiste hast du noch genug Zeit zur Ernsthaftigkeit“
Heute nun, am 9.7.13 fand man in der Dresdner Morgenpost Leserzuschriften zum Thema. Es waren dies 2 sehr treffende Zuschriften Görlitzer Taxiunternehmer sowie die einer 84jährigen Dame aus Dresden. Gerade ihre Zuschrift möchte ich hier zitieren:

Diese Strafandrohung für Taxifahrer aus Görlitz müßte schnellstens in Dresden ebenfalls durchgesetzt werden. Es gibt spezielle Standorte, wo sich mancher Taxifahrer benimmt, wie es nicht sein sollte. Genannt seien vor allem die Standorte am „Weißen Hirsch“ (eher W.Adler/d. A.) und Uniklinikum, wo oft nur kleine Strecken zu fahren sind. Nicht nur einmal bin ich mit meinen 84 Jahren und Gehbehinderung dumm vollgelabert worden, weil ich um eine Fahrt gebeten habe.Selbst die Kleidungsform ist viele Male ekelerregend, was man von dem Taxianbieter „8×8“ absolut nicht sagen kann. Als seriös bezeichne ich zumindest, dass man nicht in kurzen Hosen mit allenfalls strandtauglichem T-Shirt Kunden bedient.

Diese Zuschrift ist sehr interessant, da sie Unkenntnis verrät. Gerade diese beiden „Ständer“ gehören zu denen, wo man auf recht weite Fahrten „lauert“. Wer sich als Fahrer mental also nicht im Griff hat, gerät hier besonders schnell aus der Fassung.
Zur ekelerregenden Kleidungsform wäre zu sagen, daß sich manche KollegInnen tatsächlich etwas im Stil vergreifen. Ekel erregen aber ist etwas anderes, etwas, das mehr im Auge des Betrachters liegt.
Sie hebt hier besonders die Firma „8×8“ für deren korrektes Outfit hervor. Ich würde ihr also ganz uneigennützig empfehlen, für Kurzfahrten die „8×8“ zu nutzen, damit sie nicht mehr „angepflaumt“ und ihr Auge nicht mehr beleidigt wird. Hier aber nur mal eine Frage aus Interesse: Wieviele Kurzfahrten werden sie wohl innerhalb eines Monats mit der „8×8“ machen? Eine, drei… vielleicht zehn? Ich gebe mal eine Prognose ab: Nicht eine! Warum? Diese Firma ist kein Taxi, sondern ein sogenannter Chauffeurdienst. Er ist an keine Beförderungspflicht gebunden und kann sich deshalb die Rosinen aus dem Kuchen picken.
Ich gebe ihnen also einen Tip: Bestellen sie dort und sagen auf Nachfrage(denn die kommt immer!), daß sie zum Flughafen wollen. Wenn sie dem Fahrer dann ihr wahres Ziel eröffnen, werden sie sehr schnell feststellen, wie galant ein Fahrer im guten Anzug sein kann!

Stellt sich nun nur noch die Frage, warum die Situation für Taxis so ist, wie sie ist. Oft wird kolportiert, es gäbe einfach zu viele Taxis in einem bestimmten Bereich. Mit dieser Erklärung ist man immer ziemlich schnell fertig und man braucht nicht nachzudenken. So einfach ist das aber nicht: In Dresden zumindest paßt das Verhältnis von 1 Taxi auf 1000 Einwohner ganz genau, aber trotzdem leben die Taxifirmen und deren Fahrer schlecht. Woran also mag es liegen? Könnte es sein, daß diese ominösen 1000 Einwohner auch 1000 Einwohner von der Sorte sein müßten, die sich ein Taxi leisten können… und vor allem wollen?! Müßte vielleicht die Einkommensstruktur der Bevölkerung passen? Wie kommt es zum Beispiel, daß es in Berlin im Taxi/Einwohnerverhältnis mehr als doppelt so viele Taxis gibt wie in Dresden, diese aber fast genau denselben Umsatz haben wie wir! Wahrscheinlich ist also das Durchschnittseinkommen in Berlin höher. Das wäre doch mal ein Ansatz: Steigert das Einkommen des Normalbürgers, dann geht es auch den Taxifirmen gut, dann werdet ihr auch vom cholerischsten Fahrer nicht mehr angepflaumt!
Frau Merkel, übernehmen sie! Sie haben ja in ihrer Regierungszeit kräftig dafür gesorgt, daß es DER Wirtschaft gutgeht. DIE Wirtschaft hat auch kräftig angezogen, das muß man ihnen lassen. Dumm ist nur, daß DIE Wirtschaft nicht ins Taxi steigt! Dort steigt nur DER Bürger ein und DER ist nun bei Ihnen der Gearschte.
Langer Rede kurzer Sinn: Wir haben zwei Möglichkeiten, um alle Taxiprobleme zu lösen.
Entweder die deutsche Politik- und Wirtschaftslandschaft müßte so umgestaltet werden, daß auch mal der Normalbürger in Vollzeitstellung ausreichend verdient oder aber wir führen für Taxifahrer den Festlohn ein, den wir aber subventionieren müßten, weil die Taxifirmen sonst mit Sicherheit pleitegehen.

Also kann man denn um Himmels Willen nicht mal was anderes wählen als eine schwarze Zukunft mit gelben Gefahrenstreifen?!

PS: Weil für dieses Thema eine rege Diskussion wünschenswert ist, habe ich es auch in Steffens Taxiforum eingestellt. Denkt bitte daran, daß man hier angemeldet sein muß, um zu schreiben – Natürlich auch anonym! 😉

 

 

Über Bernd

Baujahr 1955, männlich, nicht mehr zu haben, Mechatroniker, Elektriker, Technikinformatiker und - natürlich - Taxifahrer
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