Napoleon für Arme

Ich bin ein richtiger Glückspilz! Obwohl ich heute vormittag den Taxihaltepunkt „Hilton“, der sich direkt neben der Frauenkirche im pulsierenden Herzen des Dresdner Tourismus befindet, als Erster besetzte, bekam ich doch zu meiner großen Freude die Gelegenheit einer 2,5stündigen Beobachtung der hiesigen Touri-Meile.
Nun sind ja Menschen von Hause aus sehr verschieden, warum also sollte es bei Touristen anders sein? Es sind ja schließlich auch (meistens) Menschen. Interessant ist es dabei zu beobachten, wie Touristen mit ihrem touristischen Ziel umgehen: Da gibt es welche, die sind überwältigt. Deren Widerpart ist natürlich der permanent Gelangweilte, denn der hat ja sowieso schon alles mal gesehen und es ist ja eh immer dasselbe und überhaupt würde er das alles ganz anders anpacken. Dann hätten wir da noch die Berufstouristen. Diese haben sich dieses Ziel nun mal ausgesucht und deshalb gilt es jetzt, das Programm mit Akribie herunterzuspulen, denn die Reise war ja schließlich nicht für umsonst. Am liebsten ist mir die Sorte, die zwanglos umherschlendert und alles auf sich einströmen läßt. Und lachen oder wenigstens lächeln tun sie immer, ganz egal, ob sie was Lustiges erlebten oder ob jemand versuchte, Ärger zu machen. Diese Sympathie kommt natürlich daher, daß das mit meiner Lebenseinstellung übereinpaßt. Ich sage mir immer: „Lache, solange du noch kannst! Zum Ernst sein hast du Milliarden von Jahren Zeit. Aus der Kiste hat noch keiner heraus gefeixt.“
Doch bleiben wir beim Lachen und gehen zur nächsten Kategorie von Touristen. Diese ist die Gruppe der Eroberer. Sie haben das Gefühl, als Erste ihren Fuß auf eben diesen Pflasterstein gesetzt zu haben und geniessen das in vollen Zügen.
Eben ganz genauso wie der Napoleon für Arme, den ich heute beobachten konnte. Das war ein Mann von etwa 1,60m Größe, ca. 50 Jahre alt, durchschnittlich elegant gekleidet und uuunglaublich betriebsam. Er durchmaß das Areal rings um die Frauenkirche mit seinen kurzen Beinen in einer Weise, daß bei einem Schritt seine Beine fast einen 90°-Winkel bildeten. Nun machte er eigentlich dabei dasselbe, was alle anderen Touristen auch machen: fotografieren. Aber selbst da hob er sich noch von der Masse ab, denn er fotografierte nicht etwa mit einer Kamera irgendwo zwischen 2Megapixel Billigkamera und 16 Megapixel Digital-Spiegelreflex mit vorgesetzten Spezialfiltern, sondern – mit einem Netbook!
Ich möchte dem Mann einfach mal zu seinen Gunsten unterstellen, daß er seine Kamera zu Hause vergessen hat und nun auf diese Weise aus der Not eine Tugend macht.

Aber – sei es wie es sei – auf diese Weise kann man kein Land erobern, Napoleon!

Bernd

Über Bernd

Baujahr 1955, männlich, nicht mehr zu haben, Mechatroniker, Elektriker, Technikinformatiker und - natürlich - Taxifahrer
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