Grauer Star

Heute habe ich meinen freien Tag und die Sonntags-Dienstverpflichtung meiner im Handel tätigen Frau genutzt, um mit einem Kind und ohne Kegel das neuerstandene Militärhistorische Museum in unserer Stadt zu besuchen.
Mein Libeskind, das war vielleicht eine Pleite! Ich wußte ja, daß die Gestaltung des Gebäudes vom obengenannten Architekten konzipiert wurde und fand es erstens unnötig, zweitens architektonisch neben der Spur und drittens nach den ersten Prognosen viel zu teuer. Was mich aber umgehauen hat war eine Erkenntnis erst kurz vor der Wiedereröffnung: Auch die Ausstellung wurde von ihm konzipiert!
Nun frage ich mich ernsthaft, ob man als Stararchitekt auch per se ein Star-Militärhistoriker ist. Mir graut jetzt regelrecht davor, ihn jemals in meinem Taxi befördern zu müssen, denn er wird mir sofort beweisen, daß er auch ein Star-Taxifahrer ist. Ich gebe ja offen zu, daß ich ein grundsätzliches Problem mit dem Wort „Star“ habe. Ich weiß dann immer nicht: Ist es ein Stern, eine Augenkrankheit oder ein Vogel.
Deshalb habe ich mit meiner Titelzeile erst einmal zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen, denn man bezeichnet ihn wohl als Stern und grauhaarig ist er auch. Das mit dem Vogel… nun ja, da könnte man sich vielleicht auf das Erscheinungsbild „seiner“ Ausstellung beziehen.

Womit wir wieder daselbst angekommen wären.
Wir bekamen beim Eintritt die Empfehlung, mit dem Lift zur 4. Etage hinaufzufahren und die Ausstellung dann treppab zu erkunden. Das haben wir natürlich prompt getan und kamen zu der Erkenntnis, daß man eigentlich in der 2. Etage anfangen kann. In der vierten z. B. findet man Beweise für Zerstörungen durch Bombenabwürfe in drei verschiedenen europäischen Städten sowie einen Aussichtspunkt auf Dresden aus dem Inneren eines ziemlich blickdichten Käfigs heraus.
In der dritten wiederum befindet sich eine moderne Archivanlage mit elektronisch gesteuerten Rollregalen, die man über einen Touchscreen an der Vorderfront aufrufen kann. Dadurch fährt am aufgerufenen Regal eine Lücke auf, in die man dann hineingeht und die Exponate betrachtet. Leider ist die Steuerung schon (oder noch?) außer Betrieb, so daß die Rollregale von Hand so verschoben wurden, daß zwischen jedem Regal etwa ein halber Meter Platz zum Hineingehen bleibt. Das ist eigentlich kaum zumutbar, aber mir graust es bei dem Gedanken, die Sache würde funktionieren! Man stelle sich vor, bei den derzeit hoch bejubelten Besucherzahlen möchte jeder das Regal seines Interesses aufrufen und dann natürlich auch in aller Ruhe betrachten. Das ergäbe Anstellschlangen, gegen die der Verkauf von Bananen in der HO-Kaufhalle ein Scheißdreck wäre! Und wie wird eigentlich verhindert, daß nicht in der Zwischenzeit ein ungeduldiger Besucher die Regale anders positioniert, wodurch der gerade noch geruhsame Betrachter zwischen die zusammenfahrenden Regale gerät und somit Teil der Ausstellung wird?
Ab der zweiten Etage wurde es dann ein wenig interessanter. Allerdings bin ich auch nicht wirklich schlauer geworden. Lustig und mit „Aha“-Effekt versehen war natürlich die 1:1 Darstellung einer ´Stube´ der NVA. Positiv anzumerken sei auch ein Schaukasten, in welchem auf einer politischen Weltkarte die Bündnisse der NATO sowie auch der Staaten des ´Warschauer Vertrages´ farblich gekennzeichnet waren. Nun ist es ja nicht so, daß ich nicht wüßte, welche Staaten dies alles waren, aber es war das erste Mal seit 1990, daß ich in meinem Land den korrekten Begriff „Warschauer Vertrag“ statt fälschlicherweise „Warschauer Pakt“ lesen durfte.
Ein paar Schritte weiter durfte ich einen Fauxpas erleben, für den man im realen Alltag der NVA leicht nach Schwedt geschickt werden konnte (verständlich nur für Insider 😉 ): In einer Vitrine fand man lebensgroße Puppen in verschiedensten Uniformen. Darunter war auch ein Offizier des Kommandos LSK/LV . Zu seiner vollständigen Dienstuniform trug er ein Käppi. Dieses trägt man allerdings nur zum Kampfanzug, intern „Ein Strich-Kein Strich“ genannt. Bis hierher wäre es noch mit einem mißbilligenden Kopfschütteln und dem erhobenen Zeigefinger des Vorgesetzten getan gewesen, aber jetze kommt´s janz dicke : Dieses Käppi war ein – Bundeswehrkäppi! Na wenn das kein Fall für den MiSt ist! – Ach so, wer es nicht weiß: MiSt ist die Abkürzung für ´Militärstaatsanwalt´(hihi).
Sehr erleichtert war ich auch, daß ich meine bisherigen Fahrgäste nicht belogen habe. Immer wenn ich auswärtige Gäste vom Flughafen am Militärmuseum vorbeifuhr, machte ich damit Werbung, daß wir in Dresden die einmalige Möglichkeit besitzen, Waffensysteme zu präsentieren, die sich in einem möglichen ´heißen´ Krieg im Anschluß an den kalten gegenübergestanden hätten. Dieses Thema hat man im Museum auch so umgesetzt, und zwar in 1 (in Worten „einer“) Vitrine mit Modellen. Mein Lob auch dafür!
Ein besonderes Schmäckerchen am Schluß war der Besuch des Ausstellungsbereiches „Schutz und Zerstörung“.

Hierzu steht auf der Website des MHM folgendes:

Totale Zerstörung

Am Ende des Parcours wird der Besucher mit der zerstörerischen Gewalt der Atombombe konfrontiert. Die Atombombe ist ein zeitloses Symbol für die potentielle Zerstörungskraft des Menschen gegen sich selbst. In einer Installation greift der Künstler Ingo Günther das Aufblitzen der 1945 über Hiroshima detonierten Bombe auf. Durch ein in zufälliger Zeitabfolge ausgelöstes Blitzlicht werden die Schatten der Besucher für einige Sekunden auf eine Wand projeziert. Der Besucher wird so in die Inszenierung mit einbezogen.

Dumm war nur, daß man das vor Ort nirgendwo lesen konnte und so war es für die Leute ein Riesenspaß, sich vor der (nachfluoreszierenden) Wand zu positionieren und anschließend den dadurch entstandenen Schatten ihrer selbst zu fotografieren – mit Blitzlicht! Atomschlag als Familienhappening – wie geil ist das denn!
Um es nun auf den Punkt zu bringen: Wir haben den roten Faden der Ausstellung nicht gefunden. Vielleicht ist es so, daß sich Herr Libeskind auf einer viel höheren Stufe der Erkenntnis befindet und mühevoll versucht hat, uns hinaufzuziehen. Bei genauem Nachdenken sage ich mir aber:

Nee laß mal, Daniel, ich bleibe lieber unten.

 

Bernd

Über Bernd

Baujahr 1955, männlich, nicht mehr zu haben, Mechatroniker, Elektriker, Technikinformatiker und - natürlich - Taxifahrer
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9 Antworten auf Grauer Star

  1. Monika sagt:

    @Bernd
    Also für alles kannst Du den Herrn Liebeskind nicht verantwortlich machen, da er „nur“ für die Architektur des Gebäudeumbaus zuständig war.
    Kritische Bemerkungen zur Ausstellungs(innen)architektur sind an das Büro Merz und zum Inhalt der Ausstellung an eine Expertengruppe bzw. die Wissenschaftler des Museums zu richten. Siehe auch hier: http://www.zeitgeschichte-online.de/site/40209198/default.aspx
    Würde mich ja interessieren, was die Damen und Herren vom Museum zum von Dir beschriebenen faux pas hinsichtlich der Uniform zu sagen haben. Ist schon arg …

    • Bernd Bernd sagt:

      Zuallererst: Dein Kommentar kam sofort an, nur werden „Erstlinge“ in Quarantäne geschickt.
      Es mag sein, daß Herr Libeskind (mit nur „i“, denn sooo lieb ist er ja nicht) nicht direkt die Choreographie der Ausstellung geleitet hat, aber erstens habe ich das irgendwo gelesen und zweitens sollte es mich doch sehr wundern, wenn er nicht wenigstens Einfluß genommen hätte.
      Die Sache mit dem Käppi habe ich sofort im Anschluß einem Mitarbeiter erzählt und er wollte sich auch darum kümmern, nur… er wußte nicht genau, wo das gewesen sein könnte – und ich natürlich auch nicht mehr. Nur mal so zum Thema ´Übersichtlichkeit´.

  2. Mariha sagt:

    Tja, bei uns durfte er das Audimax unserer Möchtegern Elite Uni entwerfen und den total bekloppten NAmen und Logo für dieselbige entwerfen. Das hat er – großzügigerweise – kostenlos gemacht. Er hat sich dafür nur das Schreibmaterial berechnen lassen: 10 000 €! Ich hätte den Entwurf des Namens und des Logos ja den Studenten überlassen, als Wettbewerb, der Gewinner bekommt die Studiengebühren für die Regelstudienzeit erstattet. Naja, ich bin ja auch nur doofe Taxifahrerin, der Intelligenz unseres „Führungspersonals“ nicht im Geringsten gewachsen, ist auch nur unser aller Geld was da an den grauen Star für kackenhässliche und absolut überteuerte Projekte verschenkt wird.

    • Bernd Bernd sagt:

      10 000 Euro, WOW!
      Zählen eigentlich vollkommen überteuerte iBooks auch unter ´Schreibmaterial´? Dann wär´s keine Leistung! 😉

  3. Monika sagt:

    @Bernd
    Ja, natürlich Libeskind ohne e, danke!

    Allerdings, so umstritten Herr Libeskind auch ist und so viele Allüren er (wie übrigens die meisten Stararchitekten) auch hat, eines kannst Du ihm echt nicht unterschieben, dass er für inhaltliche Fehler und für die Unübersichtlichkeit der Ausstellung verantwortlich ist. Das müssen sich echt die Wissenschaftler des Museums, deren Berater und die Ausstellungsarchitekten (im übrigen auch welche, die man als Star-Ausstellungs-Architekten bezeichnen könnte) auf ihre Fahnen schreiben.

    Architekten von Museumsgebäuden machen zwar tatsächlich oft gewisse Vorschriften auch zum Inneren, aber da geht es außer in Ausnahmefällen, nicht um inhaltliche Sachen, sondern um das Nichtverstellen von Sichtachsen, Fenstern etc. Es kann auch Bauteile betreffen. Wenn z. B. das Jüdische Museum Berlin plötzlich den Garten des Exils, die Voids oder den Holocaust-Turm „bespielen“ wollte, hätte es sicher schwersten Ärger mit Herrn Libeskind.

    Es mag unter Umständen auch schwer sein, eigenwillig geformte Räume mit den zur Verfügung stehenden Exponaten auszugestalten, aber da hat man eigentlich immer Probleme, und muss das Beste draus machen.

    Hier erklären die Architekten der Ausstellung, was sie sich dachten:
    http://holzerkobler.ch/de/suchen/result/post/50
    Klingt alles toll, scheint sich aber dem Besucher nicht wirklich zu erschließen, wie man an Deinem Kommentar sieht.

    Habe aber was dagegen, einem einzigen Herrn alles anzulasten, was nicht gefällt oder den Besucher verwirrt …

  4. Monika sagt:

    Hallo Bernd,

    schade, irgendwie komme ich wohl nicht über Deine „Zensur“barriere…

    Oder ist es „Rache“, weil Du bei Klaus nicht mehr kommentieren kannst? Das ist jedenfalls ein technisches Problem, Indianerehrenwort!!!

    Viele Grüße

    Monika

    • Bernd Bernd sagt:

      Wie du siehst, kam deine Beschwerde sofort durch. 🙂
      Warum dein vorheriger Kommentar geblockt wurde, weiß ich auch nicht. Möglich ist, daß es wegen des Links in Moderationsstatus gesetzt wurde(denn dort war es), oder in der eMail-Adresse war vielleicht ein angehängtes Leerzeichen und WordPress hat dich als neuen Kommentator eingestuft.
      Fachlich hast du natürlich recht. Das muß Klaus ja auch ständig anerkennen 😀 .
      Deshalb würde dann der Spruch: „Viele (Star)Köche verderben den Brei“ greifen. Wie dem auch sei, ich geh´ da nicht mehr hin und mach´ auch keine Werbung mehr dafür.
      Übrigens bin ich mal dem Link zu HolzerKobler gefolgt und entdeckte dort den an der Wand hängenden Helikopter, von dem auch schon andere Ausstellungsbesucher sprachen – Ich habe ihn nicht gesehen! Wahrscheinlich ist die Ausstellung insgeheim so aufgebaut wie einschlägige EGO-Shooter. Ich habe halt den versteckten Knopf für „Extra-Armory“ nicht gefunden.

  5. Wolf sagt:

    Erfrischender Artikel, vor allem mit den Fehlern in der Ausstellung!

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